Amarna-Zeit
Amenophis IV. war ein Pharao (ca. 1377 – 1358 v. Chr.) der 18. Dynastie im Neuen Reich. Sein Regierungssitz war zunächst die damalige Reichshauptstadt Theben. Wahrscheinlich um dem Einfluss der nahezu allmächtigen Amun-Priesterschaft in Theben zu entgehen, ließen Amenophis IV. und seine Frau Nofretete in seinem 4. oder 5. Regierungsjahr eine neue Stadt südöstlich von Hermopolis erbauen, die heute Tell-el-Amarna heißt.
Amenophis IV. nannte die neue
Reichshauptstadt Achetaton („Horizont“ des Aton“) und sich selbst Echnaton
(„Diener des Aton“ bzw. „Der Aton wohlgefällig ist“). Echnaton setzte
Aton als neuen alleinigen Reichsgott ein, der somit den bisherigen Reichsgott
Amun und alle anderen Götter ablöste.
Der Gott Aton wurde in der 18.
Dynastie um 1500 v. Chr. erstmals erwähnt. Er verkörperte die lebensspendende
Kraft des Gottes Ra und wurde durch eine Sonnenscheibe mit handförmig endenden
Strahlen (Strahlensonne) dargestellt.
In Amarna drehte sich alles um den
Aton-Kult und Echnaton ließ Aton zu Ehren riesige Bauwerke errichten. Sich
selbst setzte Echnaton als Oberpriester ein.
Unter anderem wurden folgende,
wahrscheinlich von Echnaton gedichtete Hymnen in Amarna-Gräbern gefunden.
(Quelle:
„Nofretete, Echnaton und ihre Zeit“ von Philipp Vandenberg“)
Der große Aton-Hymnos
Dein Aufleuchten ist
schön am Rande des Himmels,
Du lebender Aton, der zuerst lebte!
Wenn Du Dich erhebst am östlichen Rande des Himmels,
so erfüllst Du jedes Land mit Deiner Schönheit.
Denn Du bist schön, groß und funkelnd,
Du bist hoch über der Erde:
Deine Strahlen umarmen die Länder, ja alles,
was Du gemacht hast.
Du bist Re und Du hast sie alle gefangen genommen,
Du fesselst sie durch Deine Liebe.
Obwohl Du fern bist, sind Deine Strahlen doch auf Erden,
obwohl Du hoch droben bist, sind Deine Fußstapfen der Tag!
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Die Nacht
Wenn Du untergehst am
westlichen Rande des Himmels,
so liegt die Welt im Dunkel, als wäre sie tot.
Sie schlafen in ihren Kammern, Ihre Häupter sind verhüllt,
ihre Nasen sind verstopft und keiner sieht den anderen.
Gestohlen wird all ihre Habe, die unter ihren Häuptern liegt,
ohne dass sie es wissen.
Jeder Löwe kommt aus seiner Höhe, alle Schlangen stechen.
Dunkel herrscht, es schweigt die Welt,
denn der sie erschuf, ist am Himmel zu Ruhe gegangen.
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Die
Erschaffung des Menschen
Du
bist es, der den Knaben in den Frauen schafft,
der den Samen in den Männern gemacht hast,
der dem Sohn Leben gibt im Leibe seiner Mutter,
der ihn beruhigt, damit er nicht weine,
Du Amme im Mutterleibe,
der Atem gibt, um alles zu beleben,
was er gemacht hat!
Kommt er heraus aus dem Leibe,
am Tage seiner Geburt,
so öffnest Du seinen Mund zum Reden,
Du schaffst ihm, wessen er bedarf.
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Die
Erschaffung der Tiere
Das
Küklein piept schon in der Schale, Du gibst ihm Atem
Darin, um es zu beleben.
Wenn Du es vollkommen gemacht hast, so dass es die
Schale durchbrechen kann, so kommt es heraus aus dem Ei,
um zu piepen, so viel es kann.
Es läuft herum auf seinen Füßen,
wenn es aus dem Ei heraus kommt.
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Die
ganze Schöpfung
Wie
mannigfaltig sind all Deine Werke, oh Du einziger Gott,
dessen Macht kein anderer hat, sie sind vor uns verborgen.
Du schufst die Erde nach Deinem Begehren,
während Du allein warst:
Mensch, alles Vieh, groß und klein, alles was auf Erden ist,
alles was einhergeht auf seinen Füßen,
alles was hoch droben ist,
was mit seinen Flügeln fliegt.
Die Länder Syrien und Nubien und das Land Ägypten,
Du setztest jedermann auf seinen Platz
Und gibst ihnen, was sie brauchen.
Ein jeder hat seinen Besitz und ihre Tage sind gezählt.
Ihre Zungen reden mancherlei Sprache,
auch ihre Gestalt und Farbe sind verschieden,
ja, Du unterscheidest die Menschen.
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Die
Bewässerung der Erde
Du
schufst den Nil in der Unterwelt,
Du führtest ihn herauf nach Deinem Belieben,
um die Menschen am Leben zu erhalten,
wie Du sie Dir gemacht hast, Du ihrer aller Herr!
Du Tagessonne, die Furcht jedes fernen Landes,
Du schaffst auch ihr Leben.
Du hast einen Nil an den Himmel gesetzt,
damit er für sie herab falle und Wellen schlage
auf den Bergen wie das Meer
und ihre Felder bewässere in ihren Städten.
Wie herrlich sind Deine Pläne. Du Herr der Ewigkeit!
Der Nil am Himmel ist für die Fremdländer und für
das Wild in der Wüste, das auf seinen Füßen geht.
Der (wirkliche) Nil aber quillt aus der Unterwelt hervor
für Ägypten.
So ernähren Deine Strahlen jeden Garten,
wenn Du Dich erhebst, so leben sie
und wachsen für Dich.
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Aton
und der König
Du
bist in meinem Herzen,
kein anderer ist, der Dich kennt,
außer Deinem Sohne Echnaton.
Du hast ihn eingeweiht in Deine Pläne
und in Deine Kraft.
Die Welt ist in Deiner Hand,
wie Du sie gemacht hast.
Wenn Du aufgegangen bist, so leben sie (die Menschen),
geht Du unter, so sterben sie.
Denn Du selbst bist die Lebenszeit
und man lebt durch Dich.
Alle Augen schauen auf Deine Schönheit,
bis Du untergehst.
Alle Arbeit wird beiseite gelegt,
wenn Du im Westen untergehst.
Wenn du dich erhebst, so werden sie gemacht,
zu wachsen für den König.
Seit Du die Erde gründetest, hast Du sie aufgerichtet,
hast Du sie aufgerichtet für Deinen Sohn,
der aus Dir selbst hervorging,
den König, der von der Wahrheit lebt.
Den Herrn der beiden Länder
Nefer-cheperu-Re, Ua-en-Re,
den Sohn des Re, der von der Wahrheit lebt,
den Herrn der Kronen Echnaton, dessen Leben lang ist,
(und für) die große königliche Gemahlin,
die von ihm geliebte Herrin der beiden Länder
Nefer-neferu-Aton, die lebst für immer und ewig.
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Aus den Hymnen lässt sich ersehen,
dass Aton mit Re gleichgesetzt („Du bist Re“) und als alleiniger Gott
und Schöpfer allen Lebens deklariert wurde („Du einziger Gott“ -
„Du schufst den Nil in der Unterwelt“).
War bisher die Vorstellung gewesen,
dass die Götter in ihren Statuen „wohnten“, um die sich die Priester kümmerten
und zu denen außer dem Pharao sonst niemand Zutritt hatte („sie sind vor
uns verborgen“) so war Echnaton ein lebendes und auf Erden wandelndes
Zeugnis für das Wirken Atons („Du lebender Aton“).
In der bisherigen Glaubensvorstellung
wurde der Pharao zwar auch als göttlich angesehen (jeder Pharao nannte sich
Horus, da der Himmelsfalke mit dem König gleichgesetzt wurde), aber die
Priester waren schließlich die Vermittler zwischen den Göttern und den
Menschen und hatten große Macht und großen Einfluss, insbesondere die
Amun-Priester. Beim Aton-Kult hingegen war Echnaton als Atons Sohn der Einzige,
zu dem er sprach und er hatte somit göttliches Wissen („kein anderer ist,
der Dich kennt, außer Deinem Sohne Echnaton. Du hast ihn eingeweiht in Deine Pläne
und in Deine Kraft.“) Hierdurch entmachtete Echnaton die Priester. So
wie es neben dem neuen Reichsgott Aton keine anderen Götter gab bzw. zumindest
keine, die ihm auch nur im Entferntesten ebenbürtig waren („dessen Macht
kein anderer hat“), so lag die politische Macht allein in den Händen von
Echnaton und Nofretete und kein Priester konnte sich in die Regierung einmischen
oder gar im Hintergrund der eigentliche Regent sein. Echnaton bezeichnet sich
als „König, der von der Wahrheit lebt“, was als Anspielung auf die
korrupten Machenschaften der Amun-Priester gedeutet werden kann. (siehe auch: Der Totenkult der alten Ägypter ®
„Priester“).
Ob Echnaton und Nofretete den
Aton-Kult mehr aus politischen Gründen heraus einführten oder ob überwiegend
religiöse Aspekte eine Rolle spielten, kann man nicht mit Sicherheit sagen.
Jedenfalls verbot Echnaton den Kult
der ehemaligen Götter, alleiniger Gott war jetzt Aton und Echnaton und
Nofretete waren seine einzigsten Priester.
Die religiöse Reformation wirkte sich auch auf die Kunst aus. Zuvor gab es gewisse künstlerische Regeln, die abgebildeten Figuren sehen starr und wie genormt aus, in den Gesichtern sind keine Charakterzüge erkennbar.
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Beispiel für die traditionelle, idealisierende Kunst |
Die Stilmerkmale der Amarna-Kunst hingegen sind langgezogene Köpfe, überlange Arme und Finger, betonte Bauch- und Hüftpartien, fließende Gewänder und ausgeprägte Gesichtszüge mit wulstigen Lippen. Die Abbildungen sind realistischer, oft aber auch so übertrieben, dass sie wie Karikaturen aussehen.
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Diese Reliefplatte zeigt Echnaton und Nofretete mit drei Töchtern unter der Strahlensonne, dem Symbol für Aton. |
Die Stadt Achetaton und der Aton-Kult gingen nach dem Tod von Echnaton unter. Der neue Pharao, der den „Ketzerkönig“ Echnaton ablöste, war dessen Sohn oder Schwiegersohn (das Verwandtschaftsverhältnis ist unklar) Tut-ench-Aton. Dieser änderte, vielleicht unter dem Druck der Amun-Priester, die wieder ihre Machtposition zurückgewinnen wollten, seinen Namen in Tut-ench-Amun und verlegte den Regierungssitz wieder nach Theben. Es wurde wieder die frühere polytheistische Religion mit Amun als Reichsgott an der Spitze eingeführt und auch in der Kunst kehrte man zu den früheren Darstellungsformen zurück.